"In den Vierteln von Bujumbura, Hauptstadt von Burundi, mangelt es an fast allem. Elektrizität, Wasser, Straßen. Da, wo die Fusswege sind, fliessen die Abwässer unter freiem Himmel. Unterwegs kann es passieren, dass man in den Kadaver einer Ratte tritt, di gerade totgefahren worden ist. An diesem Ort begreifst du, dass eine Tüte aus Plastik tausend Jahre halten kann. Es ist nicht leicht, die Dinge jemandem zu beschreiben, der nicht dort gewesen ist. Ich hoffe, dass du eines Tages dorthin gehst. Ich denke, dass diese Erfahrung für jeden, der etwas von der Welt verstehen will, unerläßlich ist.

In Kamenge, jenem Viertel, wo ich zusammen mit Carlo, einem anderen Musiker, untergebracht war, gibt es jede Art von Krankheit: Malaria, Cholera, Typhus, Tetanus, HIV usw. 

kamenge

Das Auswärtige Amt bezeichnet die politische Situation vor Ort als fragil. Tatsächlich drang Mitte September 2011 während unseres Aufenthalts eine Gruppe Rebellen in eine Bar ein mit der Absicht, ein Blutbad anzurichten: 39 Tote die Bilanz. Nur eine Frau überlebte, weil sie gerade auf dem Klo war. Zuhause in den Medien fand diese Meldung keine Beachtung. Dinge wie diese gelten als normal. Leider. Die Menschen dort sind nicht unsere Nachbarn von nebenan. Doch Tatsachen wie diese werden von Menschen erlebt, die es wirklich gibt. Nur weil sie weit weg vor unserer Haustür passieren, sind sie nicht weniger bedeutend oder wirklich.

Ich habe jetzt Freunde, die dort wirklich leben.

 

Ich bin Berufsmusiker und gemeinsam mit Carlo Alberto Canevali, einem anderen Musiker, waren wir einen Monat lang zu Gast im Jugendzentrum Kamenge, wo wir vielen Kindern und Jugendlichen Musikunterricht gaben, die mit diesen sozialen und politischen Umständen leben. Ich habe mich anfangs gefragt, welchen Sinn es eigentlich hat, Musik zu unterrichten, zumal an einem Ort, wo die durchschnittliche Lebenserwartung bei 48 Jahren liegt. 

 

Ich habe erst verstanden, wozu, als ich in den Augen der Kinder das Leuchten sah, als sie etwas hörten, was sie nicht kannten, als sie lernten, wie man Musik aufnimmt, als sie mich suchen kamen, weil ich 2 Minuten zu spät zum Unterricht gekommen war, als Olivier uns sein Lied vorsang, das von Krieg, Hass und Hoffnung erzählte.

 

Ich habe verstanden, warum, als ich erfuhr, dass fast niemand der Schüler, die den Gitarrenunterricht besuchten, selbst eine Gitarre besaß, weil sie sich keine leisten konnten. Aus dem Gedächtnis spielten sie die Akkorde, die sie im Unterricht gelernt hatten mit den Händen auf ihren Unterarmen nach.

Ich habe verstanden, warum, als ich sie in Gemeinschaft sah, wenn sie Musik machten, als ich ihre Begeisterung erlebte, ihr Interesse, ihren Lernwillen und ihre Willenskraft.

Das alles hat mich gemeinsam mit Claire, Giuliano, Carlo, Alexis und vielen anderen Personen dazu bewegt, in Bujumbura eine Musikschule zu gründen: die allererste Musikschule in Burundi überhaupt. Und wir haben es geschafft!

 

Lorenzo Frizzera